Patagonien; Eine der der weltweit schönsten Naturlandschaften

Bild einer patagonischen Landschaft

Vom chilenischen Punta Arenas zum argentinischen Ushuaia fährt die M/V Stella Australis – und umgekehrt. Vorbei führt die Seereise an Gletschern, dem Kap Hoorn und an einer der schönsten Naturlandschaften.

Die Anweisungen für den Landgang am Kap Hoorn sind für alle Passagiere obligatorisch. Die ängstlichen unter ihnen kauern sich auf die Couch in der ersten Reihe und hören aufmerksam zu. Der Drang zu Schreiben, zählt nicht zu den wichtigsten Dingen, die sie einfach nicht unterdrücken können. Die Anweisungen sind wie folgt: Stehen Sie auf und steigen Sie in das Schlauchboot. Okay. Auf der Insel werden Schwimmwesten aufbewahrt. Gut. Bei schwerem Seegang ist ein Landgang nicht möglich, für Morgen wird aber gutes Wetter vorhergesagt. Sehr gut. Vielleicht haben die ängstlicheren Passagiere auf schlechtes Wetter gehofft.

Es fehlen noch ein paar Stunden, bis wir das Kap Hoorn erreichen, aber der Mythos hat die Skylounge der Stella Australis fast erreicht. Davon handelt sicherlich der derzeit abgehaltene Vortrag. Das Beste an einer Expeditionskreuzfahrt sind tatsächlich die Unterrichtsstunden, bei denen die Passagiere wirklich etwas lernen können. Das endlose Fest, wie wir es bei „normalen“ Kreuzfahrten gewohnt sind „wird hier durch den Wissensdurst ersetzt“.

Der Redner hält am mythologischen Aspekt des Kap Hoorn und des Pazifischen und Atlantischen Ozeans fest und daran, dass es der südlichste Zipfel Südamerikas ist. Jedoch entspricht dies nicht der Wahrheit. Die schreckliche Tatsache ist, dass viele Schiffskapitäne nicht in der Lage waren, das südlichste Ende Feuerlands zu umfahren. 800 Schiffe sind gesunken, etwa 10.000 Seelen in den Tiefen des Ozeans ertrunken. Es müsste sich um den größten Schiffsfriedhof der Welt handeln. Aber dies traf zu, bevor der Panamakanal gebaut wurde, der die Durchfahrt von einem Ozean zum anderen zulässt. Unglaubliche Tragödien haben sich an Bord der Segelschiffe, die das Kap Hoorn umsegelten, abgespielt, sogar auf denen die eine Umsegelung überstanden haben. Schuld daran ist das trügerische Wetter in der subpolaren Klimazone. Die Gewalt der westlichen Luftströmungen kann riesige Seen in der Höhe auftürmen, und darum kommt es häufig zu monströsen zwanzig Meter hohen Wellen. Während des Vortrags hätte man eine Stecknadel auf dem Boden fallen hören können.

Der letzte Tag an Bord ist angebrochen. Die Passagiere der Stella Australis werden um fünf Uhr morgens geweckt. Trotz allem fehlt kein Passagier, als die Mannschaft zum Landgang auf die Hornos-Insel ruft. Wir steigen ohne Frühstück und adrenalingeladen einer nach dem anderen in die Schlauchboote, und dann kommen die Taxi-Boote. Aber was gibt es da eigentlich auf der Insel? Die Antwort lautet: fast gar nichts. Eine chilenische Familie lebt auf dem 3,2 km breiten und 6 km langen Felsen. Die nächsten Nachbarn befinden sich auf drei Inseln und alle zwei Monate kommt ein Versorgungsschiff mit Nahrungsmitteln und sonstigen Bedarfsgegenständen. Einer der Inselbewohner ist der 34jährige Miguel Apablaza, ein chilenischer Soldat und Experte für Verkehrsmeldesysteme, der für die Sicherheit der Schiffe verantwortlich ist – und auch dafür, dass das Leuchtfeuer nie ausgeht. Im Laufe seines heutigen Dienstes hat er sieben Segelschiffe in Sicherheit gebracht – aber normalerweise verlaufen die Tage eher ruhig, obschon immer Wachsamkeit geboten ist.
Etwas über 10.000 Besucher kommen jährlich zur Hornos-Insel. Die Kreuzfahrtgesellschaft Australis ist die einzige Schifffahrtsgesellschaft, die die Insel regelmäßig anläuft. Der Landgang ist ein Privileg. Die Familie Apablaza weiß genau wann ein Expeditionsschiff eintrifft. Vielleicht warten sie sehnsuchtsvoll auf die Touristen, die zweimal pro Woche die Insel entlang laufen und durch den Leuchtturm und den kleinen Geschenkeladen hasten. Der deutsche Schäferhund scheint das Spiel schon zu kennen und lässt sich durch die Fremden nicht im Geringsten stören. Selbst dann, wenn es zu Streit unter Eheleuten kommt? Miguels Frau Catherine lächelt in sich hinein. Hier auf der Insel können wir uns nicht ausweichen.

Es regnet 280 Tage im Jahr. Aber nicht heute. Das Meer verhält sich so zahm wie eine Hauskatze. Keine Spur von turmhohen Wellen. Zum Glück für die ängstlicheren Passagiere, die die Schwimmwesten wohl als Windschutz angelassen haben. Doch selbst der Wind ist nicht zu spüren, noch nicht einmal die mildeste Brise. Es ist amüsant zu beobachten, wie die 210 neonorangenen Schwimmwesten die Stufen zum Denkmal hinaufpilgern. Es ist als ob jeder Passagier ein Foto wäre, ein Andenken für die Ewigkeit. „Ich war hier,“ möchten sie tatsächlich gerne in den Stein ritzen. Aber leider geht das nicht, und schließlich bleibt als einzige Alternative nur das Gästebuch übrig. Für die Ängstlichen herrschte heute das perfekte Wetter. Auch wenn sie vielleicht ganz tief in ihrem Innern auf ein bisschen Aufregung und eine klitzekleine Brise gehofft hatten.

Das Bingospiel an Bord erhitzt die Gemüter. Besonders bei den jungen Passagieren und an Bord gibt es eine ganze Menge von ihnen. Der Gewinner erhält zum Schluss ein Souvenir der Kreuzfahrt. Mir sympathisieren sowohl die jungen als auch die älteren Passagiere. Sogar die Ausflüge sind derart gestaltet, dass sie für jedes Alter geeignet sind. Ideal für jeden Touristen. Diejenigen, die nicht so aktiv sind, können den Gletscher vom Schiff aus betrachten. Das Bergsteigen ist keine Pflichtveranstaltung. Denn wenn dem so wäre, dann würde der Ausblick keine Entspannung darstellen, wie z.B. die einmalige Aussicht auf die Bucht. Über 60 Minuten dauert der Aufstieg zum Ausblickspunkt und die Steigung geht so richtig in die Beine.

Darum ist eine kurze Rast bei den Bibern sehr willkommen. Sie haben irgendwo in der Wildnis einen Damm gebaut. Und obwohl unser Fremdenführer Cristóbal nicht aufgab, zeigten sich diese eingeführten Tiere nicht den neugierigen Touristen. Mitte des 20. Jahrhunderts führte ein Händler ein Dutzend Biber für seine Pelztierfarm nach Patagonien ein, jedoch ohne den erhofften Erfolg. Er entließ die Tiere in die Freiheit, auf Kosten der hiesigen Natur. Aus den Dutzend Bibern sind hunderttausende geworden, die nun ihre Zähne in die Bäume schlagen.
Die Yámana, einer der Indianerstämme die Feuerland bewohnten, führten in dieser unberührten Natur ein friedliches Nomadenleben. Ihr gesamtes Gesellschaftsleben fand auf ihren Kanus statt und war von den klimatischen Bedingungen beeinflusst. Obwohl die Temperaturen auf Feuerland normalerweise unangenehm kalt sind, trugen die Yámana-Indianer kaum Kleidung. Die Männer jagten und die Frauen sprangen ins eiskalte Wasser und sammelten Muscheln und Krabben. Robert Fitz-Roy, ein englischer Seemann kidnappte im 19. Jahrhundert vier Yamaná-Indianer und verschleppte sie nach England. Missioniert und bekleidet nahm er die drei noch lebenden Indianer auf seiner zweiten Reise wieder mit nach Südamerika in ihre Heimat zurück. Die erhoffte Christianisierung durch die drei Heimkehrer trat jedoch nie ein. Die ersten Siedler besiegelten schließlich das Schicksal der Yámana, indem sie Krankheiten einschleppten, für die der Urvölkerstamm keine Abwehrstoffe besaß. 1924 lebten nur noch 50 Yámana-Indianer. Heute lebt nur noch eine einzige Nachkomme des Stammes – Cristina Calderón, die im Alter von 73 Jahren in Puerto Williams wohnt.

Für die Passagiere der Stella Australis kommt die Bucht dem Himmel auf Erden gleich. Zwei Minuten herrscht vollkommene Stille, in denen jeder die Natur bewundert. Und schließlich hört man bewundernde Bemerkungen darüber, wie wunderschön und einzigartig die Welt ist. Da die Kreuzfahrtgesellschaft auf ihren Reisen tausende von Touristen diese unberührten Naturlandschaften näherbringt, fühlt sie sich für diesen Ort verantwortlich. Sie baut Museen, wie die alte Radiostation auf der Navarino-Insel, um ihnen die Geschichte Feuerlands nahezubringen. Sie sorgen für einen umweltfreundlichen Nutzen der hiesigen Natur. Mit jedem Schritt ist Vorsicht geboten. Niemand soll es wagen, Müll auf den Boden zu werfen.

Ein Stein bewegt sich; nur dass es eben kein Stein ist, sondern ein See-Elefant. Sehr wahrscheinlich schlief er und deswegen waren wir nicht auf ihn aufmerksam geworden. Beinahe schon zu auffällig, lag er zwischen all den Kreuzfahren am Ufer der Magellanstraße. Sein Mund ist blutverschmiert. Er gähnt und krächzt. Ein morgendliches Naturschauspiel. Der Nachmittag dieses ersten Tages verläuft ebenso bezaubernd. Wir machen einen Abstecher auf die Tucker Insel, auf der hunderte von Magellan-Pinguine beheimatet sind, die den Touristen in den Schlauchbooten nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Einige zücken ihre Kamera. Alle möchten ein Foto schießen, am Besten ein Bild, auf dem sie mit den Pinguinen zu sehen sind. Auf diese Weise lernen sich die Passagiere auf den Zodiac-Schlauchbooten kennen und treffen sich zum Abendessen, um die weltbewegenden Naturereignisse des Tages zu verdauen.

Sie ist Chilenin. Reines Temperament, könnte man sagen. Aber heute ist dem leider nicht so. Wir warten alle auf ein lautes Krachen – aber es geschieht nichts. PIA, der Gletscher, ist mucksmäuschenstill. Man hört wie sie sich seicht bewegt, aber mehr als einem leichten Schütteln im Hüftbereich kommt dies nicht gleich. Zu Schade, selbst für die Furchtsamsten unter uns wäre ein kalbender Gletscher ein wunderbares Naturschauspiel gewesen. Auf den ersten Blick ist PIA eher unansehnlich. Sie mutet ausgezehrt an und ihr Eis ist beinahe schmutzig grau. In ihrer Nähe spürt man die eisige Kälte. Aber der Schein trügt, denn sobald wir am Aussichtspunkt ankommen sind, genießen wir eine ausgezeichnete Sicht auf die Bergkette, aus der der Gletscher entspringt und sich langsam dem Meer hin zubewegt.

Die Fahrt geht weiter am nordwestlichen Arm des Beagle-Kanals entlang und wir lassen den Gletscher auf der Fahrtrinne der Stella Australis hinter uns. Hier sind alle EU-Länder vertreten. Die Gletscher tragen hier die Namen der Herkunftsländer der ersten Siedler. Inzwischen serviert die Mannschaft an Bord Snacks und umsorgt die multinationalen Passagiere, wie es sich gebührt. Die europäischen Passagiere feiern „ihren“ Gletscher, der an den Panoramafenstern der Skylounge vorbeizieht. Im Raum hört man Jubelrufe. Als der Spanien-Gletscher am Fenster erscheint, wird er begrüßt und ihm zugetoastet. Ein paar Minuten später wird Weißwurst und Bier serviert. Oktoberfestmusik ertönt aus den Lautsprechern. Es herrscht Freudenstimmung und die Passagiere klatschen zum Takt der Musik.

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